Wissenschaft und wissenschaftliches Denken in der chinesischen Gesellschaft, 1949-1978 (M. Matten)
Geschrieben von: Dr. Marc Matten   

 

Mit der Gründung der Volksrepublik China im Oktober 1949 erfolgte eine tiefgreifende Transformation der sozialen, wirtschaftlichen und politischen Struktur des Landes. Eines der wichtigsten Ziele der Kommunistischen Partei Chinas war die Modernisierung des Landes. Wissenschaft und Technik wurden bei dieser Aufgabe eine zentrale Rolle zugesprochen, um die Produktivität in Industrie und Landwirtschaft zu steigern und der Mangelversorgung der Kriegszeit ein Ende zu bereiten. Mit der Modernisierung nach sowjetischem Vorbild setzte die Partei ihre in den 1940er Jahren thematisierte, als ideologisch-politisch verstandene Aufgabe fort, insbesondere anwendungsorientierte Technologien im gesamten Volk zu verbreiten und deren Nutzung zu fördern („Populärwissenschaft“, puji kexue). Die Erschließung einer neuen Zielgruppe für das Wissen um Technologie und Wissenschaft ging jedoch mit einer radikalen Umwertung von Wissenschaft und wissenschaftlichem Denken einher, deren soziale und politische Funktion bislang in der Forschung unberücksichtigt ist. Das beantragte Projekt zielt darauf ab, einen substantiellen Beitrag zur Wissenschaftsgeschichte der jungen Volksrepublik China zu liefern, welcher die sozialgeschichtliche Analyse in den Vordergrund rückt. Die Trias von Moderne, Wissenschaft und Fortschrittsdenken hat chinesische Intellektuelle seit Beginn des 20. Jahrhunderts fasziniert. Moderne und Wissenschaft standen und stehen auch heute noch in einem engen Zusammenhang. Mit der Gründung der Volksrepublik China im Jahr 1949 oblag – politisch intentioniert – die Aufgabe der Modernisierung und Stärkung der Nation nicht mehr allein der Elite. Um die neue Vorstellung von der zentralen Kraft der sozialen, politischen und ökonomischen Moderne umzusetzen, wurde es erforderlich, wissenschaftliches Denken und Handeln auch in denjenigen Bevölkerungsteilen zu popularisieren, die dem zuvor fernstanden. Auf diese Weise versprach sich die politische Führung eine entsprechende Legitimität und daraus resultierend eine Stabilität des Systems, welche bis heute nachwirkt.

       In den 1950er und -60er Jahren herrschte in der VR China die Auffassung vor, daß eine Bedingung für die Schaffung einer sozialistischen bzw. kommunistischen Gesellschaftsordnung die Popularisierung von Wissenschaft und Technik (puji kexue) sei. Dies galt um so mehr, als daß nicht bourgeoise Fachwissenschaftler, sondern das Proletariat – Arbeiter und Bauern – die neuen Herren des Landes waren (Du Runsheng 1959). Popularisierung meint in diesem Kontext eine durch institutionelle und nicht-institutionelle Akteure geschaffene Vielzahl sprachlicher und bildhafter Ausdrucksformen, die wissenschaftliche Erkenntnisse auf allgemeinverständliche und publikumsbezogenen Weise zu verbreiten suchen. Wissenschaft – einschließlich Technologie – wird hier außerakademisch verstanden, und Popularisierung bündelt eine Vielzahl von sozialen Prozessen, die in spezifischer Form durch sprachliche Manifestationen und soziale Handlungen spezialisiertes Wissen an untere soziale Schichten weiterreichen.

       Die Sammlung der Shanghaier Akademie für Sozialwissenschaften bietet nun die Möglichkeit einer neuen Herangehensweise an die Sozialgeschichte von Technologie und Wissenschaft des zeitgenössischen China. Sie umfaßt nahezu vollständige Ausgaben der zentralen Zeitschriften Economic Research (经济研究 1955-1994), China Journal of Animal Husbandry (中国畜牧报), Agricultural Machines (农业机械), Heredity and Breeding (遗传与育种), Rural Scientific Experiments (农村科学实验), Scientia Agricultura Sinica (中国农业科学), Rural Technology (农村科学) sowie Agricultural Knowledge (农业知识, 1951-83) und Agricultural Technology (农业技术, 1957-68), von denen die beiden letztgenannten auf die Verbreitung landwirtschaftlicher Techniken unter der Landbevölkerung fokussiert sind. Für den Bereich Technologie und Wissenschaft im allgemeinen sind zu nennen die Titel Xue kexue (学科学, 1956-66), Kexue puji gongzuo (科学普及工作, 1951-58), Kexue dazhong (科学大众, 1937-50, vorhandene Jahrgänge 1948-1950), Kexue puji ziliao (科学普及资料, 1972-74) und Kexue huabao (科学画报, 1933-66, vorhandene Jahrgänge 1950-66). Ferner umfasst die Sammlung einen umfangreichen Bestand an bislang unberücksichtigen Hand- und Lehrbüchern, die zu Beginn der 1950er Jahre massenhaft publiziert wurden und eine zentrale Rolle bei der Ausbildung spielen. Diese Handbücher sind sprachlich sehr einfach gehalten, setzen kein besonderes Fachwissen voraus und sind häufig bebildert oder mit technischen Zeichnungen versehen. So liegen bespielsweise für den Bereich Viehzucht Handbücher vor zu Aufzucht, Fütterung, Zucht (artifizielle Insemination), Erhöhung der Fortpflanzungsrate, Behandlung von Tierkrankheiten usw. (ergänzt um Erfahrungsberichte von Bauern). Neben diesen gedruckten Quellen spielten Wanderausstellungen, Modellbetriebe und Wissenschaftsberichte in Radio und Tageszeitungen eine zentrale Rolle.
       Der außerordentlich reiche Bestand an Quellen in der Sammlung ermöglicht die Untersuchung der Frage, auf welche Weise Wissenschaft und wissenschaftliches Denken popularisiert werden. Anhand einer typologischen Strukturierung und gezielten Auswertung der Quellen werden die notwendigen Kommunikationszusammenhänge, Popularisierungsmotiven und –strategien ausgemacht, welche den Zusammenhang zwischen Forschung und Entwicklung, die Weitergabe von technischen Fähigkeiten durch formale und informale Kanäle und die Frage nach der Akzeptanz und Anwendung neuer Techniken durch die Bauern untersuchen. Es geht somit um die Idee der Popularisierung sowie ihrer Umsetzung auf der kommunikativen, institutionellen und individuellen Ebene. Dieser Aspekt der Modernisierung ist eng verwoben mit der politischen Transformation der jungen VR China, der bis dato in der Forschung unterrepräsentiert ist. Um die komplexen Modernisierungsprozesse in Industrie und Landwirtschaft umfassend zu verstehen, soll untersucht werden, wie die in der Regel staatlich organisierte Vermittlung von Wissen von den betroffenenen Zielgruppen rezipiert, angewendet und weitergegeben wurde.